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Erz im Herz

In Obersaxen ist die Sommersonne nicht zu Gast – in Obersaxen ist sie zu Hause. So scheint es! Wortwörtlich. 11 Sonnenstunden pro Tag zählt der August. Es gibt aber auch einen Ort, dem die Sonne fernbleibt. Ein dunkler, aber nicht minder faszinierender Ort. Höchste Zeit, ihn zu beleuchten.

Willkommen da, wo die Sonne nie scheint: im Erzbergwerk Platenga. Zwischen Misanenga und Platenga quert die Strasse im Aussertobel den Valatabach, der mal sanft, mal rauschend talwärts fliesst. Hinter der letzten Kurve führt ein unscheinbarer Pfad hinab ins Tobel bis zum Ufer des Baches. Dort, direkt am Flussufer, klaffen zwei Stolleneingänge wie offene Münder im Felsen. Die schweren Eisengitter davor erinnern an die Maulkratten von bissigen Hunden. Ein bisschen gruselig. Wenig deutet hier darauf hin, auf welch historischen Pfaden man wandelt. Dabei ist man – summa summarum – den Römern auf der Spur und somit gar den ersten menschlichen Zeichen überhaupt in der Gegend. Feuer- und Schrämspuren an den Stollenwänden deuten darauf hin, dass der Bergbau in Obersaxen sehr alt ist, tatsächlich bis in die Römer- oder gar Bronzezeit zurückreicht. Mit Sicherheit lässt es sich jedoch nicht sagen. Denn gleich der Stollen selbst, liegen auch die Anfänge des Obersaxer Erzabbaus weitestgehend im Dunkeln.

Erstmals schriftlich festgehalten wurde eine Grube «St. Peter» in «Übersaxen» vom Davoser Bergrichter Christian Gadmer anno 1588. Ob damit tatsächlich das Erzbergwerk in Platenga oder aber das zweite Bergwerk auf Obersaxer Boden, das Kupferbergwerk in Affeier gemeint war, ist unbekannt. Letzteres darf aus Sicherheitsgründen nicht mehr begangen werden. Das Erzbergwerk beim Valatabach in Platenga hingegen ist sicher und einer der beiden Stollen wird für Führungen geöffnet. Sein Hauptgang ist 240 Meter lang, dazu kommt ein Netz aus Nebengängen, das nochmals so viele Meter aufweist. Die Gänge sind schmal, teils kaum breiter als Männerschultern. Gestein wurde von den Arbeitern, den sogenannten Bergknappen ausnahmslos auf dem Rücken abtransportiert. Durch die schmalen Stollen passten keine Schubkarren. Tief vornübergebeugt orientierten die Bergknappen sich lediglich am spärlichen Licht, das flackernde Öllampen ins Dunkel warfen. Die kleinen Ausbuchtungen für die Lampen und das Schwarz des Russes sind an den Stollenwänden noch heute gut erkennbar. Dabei erlosch die letzte Lampe im Stollen schon vor mehr als hundertfünfzig Jahren. Das Erzbergwerk wurde Anfang 19. Jahrhundert zeitweise und nach einem kurzen und unrentablen Versuch im Jahr 1870 endgültig stillgelegt – und ging für lange Zeit vergessen. Bis es in den Achtzigerjahren touristisch wiederentdeckt und erstmals für Führungen geöffnet wurde. Übrigens: rentiert hat der Erzabbau in Obersaxen wohl nie. Zu tief war der Eisengehalt des Gesteins und zu aufwendig der Abbau und Abtransport.

Gewinnung des Eisenerz

Da in Obersaxen nie verhüttet, also aus Eisenerz Eisen gewonnen wurde, musste das Erzgestein abtransportiert und bis ans Rheinufer nach Rueun gebracht werden. Dafür wurden die Steinmassen erst nach Flond gekarrt, um von dort durch die steile Val Culpina über Holzrampen weiter bis zum Rhein gerollt zu werden. Ein handverfasster Vertrag aus dem Jahre 1827 reguliert das Durchfahrtsrecht zwischen der Erzbaugesellschaft «Gruoba Obersaxen» und den Flonder Einwohnern, insbesondere den Eigentümern des Waldes von Culpina. Verfasst und unterschrieben wurde der Vertrag vom damaligen Flonder Kirchenvogt Nicolaus Camenisch, dem Gemeinderat Murezi Darms und im Namen der «löblichen Gesellschaft» von Johann Anton von Arms. Man vermutet, dass das Eisenerz ab Rueun entweder über den Rhein bis nach Felsberg geflösst und dort verhüttet oder aber talaufwärts nach Trun gekarrt wurde. Beide Hochöfen wurden um 1870 ebenfalls stillgelegt. Wer gut hinschaut, kann auf der gegenüberliegenden Uferseite des Valaterbaches und unweit der Stolleneingänge die Ruine eines Kalkbrennofens entdecken. Nebst den eisenhaltigen Fahlerzen und dem Limonit bauten die Mineure in den Stollen von Platenga auch Tuffstein zur Kalkgewinnung ab. Noch heute kann man am einen oder anderen Obersaxer Walserhaus Reste dieses Kalkverputzes aus dem Erzbergwerk von Platenga entdecken. Der Kalkputz weist eine unverwechselbare rötliche Farbe auf. Auch an den Stollenwänden erkennt man das Tuffgestein an seiner gelblich bis rötlichen Farbe, während Fahlerze als dunkle bis silberschimmernde Streifen zutage treten. Genauso wie der Limonit, der in Obersaxen eine dunkle Farbe aufweist. Dunkel wie die ewige Nacht, die einen im Erzbergwerk umhüllt. Ein Ausflug dorthin ist ein düsteres Abenteuer mit Licht am Ende des Tunnels: dem Ausgang. Zu ihm kehrt man heute ohne schweres Erz auf dem Buckel zurück. Dafür beladen mit tollen Eindrücken. Ein sonniges Happy End. An die Sonne muss man sich nach dem Aufenthalt unter Tage erst wieder gewöhnen. Aber das ist ja kein Problem: Sie scheint in Obersaxen ja den ganzen Tag.

Erzbergwerk Platenga, Obersaxen-0
Kunst & Kultur

Erzbergwerk Platenga, Obersaxen

In der Gemeinde Obersaxen Mundaun wurden einst zwei Bergwerke betrieben. Die Silbergruben von Affeier und das Eisenwerk im Platenga-Tobel, dessen 240 m langes Stollensystem heute touristisch erschlossen ist. Surselva Tourismus Info Obersaxen vermittelt während der Sommerzeit Führungen zum Schaubergwerk.
Erzbergwerk Platenga, Obersaxen